Akute Gastroenteritis

Definition & Ätiologie

  • plötzliche Minderung der Stuhlkonsistenz und Steigerung der Stuhlfrequenz (> 3 Stühle/d oder mindestens 2 Stühle mehr als die für das Kind übliche Anzahl von Stühlen) mit oder ohne Erbrechen bzw. Fieber (CAVE gestillte Neugeborene und Säuglinge bis zu 10 Stühle/d physiologisch)
  • maximale Symptomdauer der Diarrhoe: 14 d (Abgrenzung zur persistierenden / protrahierten Diarrhoe)
  • Ansteckung zumeist fäkal-oral, bei Noroviren auch durch das Einatmen von Aerosolen (enger Kontakt ohne Mund-Nasen-Schutz zu einem Patient mit Erbrechen)
  • nosokomiale Gastroenteritis: Auftreten > 48 h Krankenhausaufenthalt (bei Noroviren kann die Inkubationszeit kürzer als 48 h sein)
  • sorgfältige Anamneseerhebung entscheidend für differentialdiagnostische, nicht-infektiologische Überlegungen

Erregerspektrum

anamnestische Hinweise

relevante Erreger

positive Umgebungsanamnese

v.a. Viren (Rota, Adeno-, Astro-, Noroviren)

Infektion der oberen Atemwege, Myalgie

v.a. Viren (Adeno-, Astro-, Enteroviren)

kontaminierte Nahrung

S. aureus, Salmonella enteritidisBacillus cereus, EHEC, EPEC

leicht verderbliche Nahrungsmittel / rohe Eier

 

bakterielle Erreger, v.a. SalmonellenEHECETECEPECCampylobacter spp.

Rohmilch, rohes Fleisch, roher oder geräucherter Fisch

Campylobacter spp.Salmonellen, ListerienEHEC

Tierkontakt (v.a. Jungtiere)

EHEC, Salmonellen, Lamblien (Hausbrunnen?), Cryptosporidien

Auslandsreise/kontaminiertes Wasser

NorovirenCampylobacter spp., Salmonellen, V. cholerae, Y. enterocoliticaShigellen, E. histolytica, Lamblien

vorausgegangene Antibiotikatherapie (vorangegangene 4-8-(10) Wochen)

CED, M. Hirschsprung

C. difficile

Immunsuppression

C. difficileCampylobacter spp.(auch mit Bakteriämie), Bacillus cereus, CMVCryptosporidienMikrosporidien

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Klinik

Symptomatik

  • Übelkeit und Erbrechen
  • plötzliche Minderung der Stuhlkonsistenz (nicht so seltene Diagnose: Überlaufstuhl bei chronischer Obstipation: Anamnese und klinische Untersuchung wichtig)
  • erhöhte Stuhlfrequenz (> 3 ungeformte Stühle/d oder mindestens 2 Stühle mehr als die für das Kind übliche Anzahl von Stühlen, gestillte Neugeborene und Säuglinge: bis zu 10 Stühle/d physiologisch)
  • häufig Fieber, Bauchschmerzen, Tenesmen
  • blutige Diarrhoe mit Fieber macht bakterielle Genese wahrscheinlicher (CAVE EHEC)

Red Flags
  • Säuglinge < 3 Mo oder < 3 kg
  • Vorerkrankungen (siehe unten)
  • unzureichende Flüssigkeitszufuhr aufgrund von rezidivierendem Erbrechen
  • galliges Erbrechen
  • hohes Fieber (≤ 3 Mo > 38,0 °C, > 3 Mo 39,0 °C) → DD bakterielle Infektionen mit anderem Fokus
  • blutige Durchfälle
  • Durchfälle > 7 d
  • Krampfanfälle
  • Oligurie, Anurie
  • hypertone Dehydratation (Na+ >150 mmol/l)
  • KFZ > 3 sec
  • Gewichtsverlust ≥ 10 % des KG
  • Zeichen einer mittelschweren oder schweren Dehydration (siehe Fortbildung & weitere Links)

Risikofaktoren und Grunderkrankungen, die ggf. ein von diesem Standard abweichendes Vorgehen erfordern

  • Immunsuppression
  • Diabetes mellitus
  • Zustand nach Darmteilresektion
  • Stoffwechseldefekt
  • Malnutrition
  • chronisch entzündliche Darmerkrankung
  • Zöliakie
  • Säuglinge und Kleinkinder < 2 J
  • neurologische Grunderkrankung (häufiger hypernatriämische Dehydratation)

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Komplikationen

akut (v.a. bei Säuglingen/Kleinkindern)

  • hypovolämischer Schock
  • Darmperforation
  • Megakolon
  • Bakteriämien, septische Absiedlungen/weitere Organmanifestationen (v.a. bei Salmonellen, Listerien, Yersinien, Lamblien)
  • Invagination
  • Krampfanfälle (oft assoziiert mit Hypo-/Hypernatriämie)
  • encephalitische Symptome (EHEC, Shigellen)
  • toxisches Schocksyndrom


subakut


verzögert

  • reaktive Arthritis
  • Glomerulonephritis
  • Erythema nodosum
  • hämolytische Anämie
  • Kawasaki-Syndrom

Diagnostik

sorgfältige Anamnese (inklusive Umgebungsanamnese) bezüglich
  • Vorerkrankungen
  • Auslandsreisen
  • Diarrhö-auslösende Medikation (z.B. Laxantien, PPI, Checkpoint-Inhibitoren, Immunsuppressiva)
  • Antibiotika-Exposition
  • Tierkontakt
  • Konsum potenziell kontaminierter (infektiöser) Nahrungsmittel und Getränke
  • Diarrhö-auslösende Nahrungsmittel/Getränke (z. B. Säfte aus fruktosereiche Obstsorten, Xylit, Sorbit)

Differentialdiagnosen

  • anderweitige bakterielle Grunderkrankung (z.B. Pyelonephritis, Meningitis) mit Enteritis und/oder Erbrechen als Begleitsymptom
  • COVID-19
  • PIMS-TS
  • Tropenkrankheit (bei entsprechender Anamnese; insbesondere Malaria)
  • Invagination
  • wenn Durchfälle > 2 Wo andauern, dann sehr breites differentialdiagnostisches Spektrum möglich

Labor

bei ambulanter Weiterbehandlung

  • BGA 
  • Urin Streifentests (z.A. Ketonurie) 

in der Regel ausreichend 

 
bei stationärer Therapie empfohlen
  • Blutbild
  • BGA mit Elektrolyten und Blutzucker
  • Kreatinin
  • Harnstoff
  • Urin-Status

Indikationen zur ausführlichen Diagnostik

  • schwer krankes Kind
  • blutige Durchfälle
  • relevante Grunderkrankung (s.o.)
  • Ausbruchssituation
  • Verdacht auf HUS
  • nosokomiale Diarrhoe
  • vor Beginn einer antimikrobiellen Therapie
  • protrahierte Durchfälle (> 7 d)
  • Antibiotikum innerhalb der letzten 3 Monate oder andere Risikofaktoren für C. difficile

Mikrobiologie/Virologie/Parasitologie

in der Regel nicht notwendig, da zumeist selbstlimitierendes Krankheitsbild und nicht therapierelevant.
bei Ausnahmen (s. o. Indikationen zur ausführlichen Diagnostik))

  • immer Stuhlprobe / Stuhlabstrich
    • Virologie (Adeno-, Astro-, Noro-, Rotavirus): (Multiplex-)PCR
    • Mikrobiologie
  • zusätzlich Blutkultur bei
    • schwer krankem Kind
    • fieberndem Kind
    • immunsupprimierten Kindern
    • vor Beginn einer antimikrobiellen Therapie

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Apparative Diagnostik

Abdomen-Sonographie oder Röntgen in der Regel nicht notwendig und wegen der Kontamination der Geräte eher zu vermeiden, Ausnahmen:
  • Abdomen-Sonographie bei V.a. Invagination oder schwer krankem Kind (DD Appendizitis etc.)
  • Röntgen-Abdomen in Linksseitenlage bei V.a. Perforation

Diagnostik-Tipps
  • bei Thrombozytopenie Ausschluss EHEC anstreben (Fragmentozyten im Ausstrich, Zeichen der intravasalen Hämolyse, erhöhte Nierenretentionsparameter, DD TTP: ADAMTS13 Spiegel)
  • toxinbildende C. difficile ausschließen bei Patienten mit Diarrhoe und folgenden Risikofaktoren: (C. difficile-Infektion)
    • Antibiotikaexposition oder Krankenhausaufenthalt in den vergangenen 4 – 8 – (10) Wochen
    • Vorerkrankung: M. Hirschsprung, CED, Immunsuppression, Gastrostoma/ Jejunostoma, Kurzdarm
  • CAVE Bei Säuglingen und Kleinkindern können Durchfall und Erbrechen Begleitsymptome anderer schwerer Infektionen sein!
  • die meisten akuten Gastroenteritiden treten im Kleinkindalter auf und werden durch Viren verursacht
  • respiratorische Symptome sprechen eher für virale Genese (inkl. SARS-CoV-2)
  • bakterielle akute Gastroenteritiden eher bei Kindern > 2 J (CAVE blutige Diarrhoe und Fieber)
  • bei mesenterialer Lymphadenitis an Yersiniose denken
  • bei V.a. parasitäre Genese erhöhen der umgehende Probenversand ins Labor (frisches Material, kurze Transportzeit) und die wiederholte Einsendung die Nachweisrate

Therapie

Ambulante Therapie

Therapieempfehlung TELE-Kasper

 

  • anbieten der gewohnten altersentsprechenden Nahrung bei Kindern ohne Dehydration
  • kein regelhafter Einsatz von Antiemetika, bei starkem Erbrechen Gabe von Ondansetron in Erwägung ziehen
 
bei Zeichen einer Dehydration

 

Orale Rehydrationslösung (siehe Fortbildung & weitere Links)
(Na+ 60 mmol/l, Glukose 74 – 111 mmol/l)
  • 40-50 ml/kg über 4 h
    • pro Erbrechen oder wässrigem Stuhl: +10 ml/kg
    • pro 1 °C Temperaturerhöhung > 37,0 °C: +10 ml/kg/24h
  • löffelweise zuführen (alternativ in der Notfallambulanz: Spritzen für die orale Applikation mit lila Stempel)
  • Limonade, koffeinhaltige Getränke oder Fruchtsäfte sind nicht geeignet! CAVE rezidivierendes Erbrechen

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Stationäre Therapie

Therapieempfehlung TELE-Kasper
die Möglichkeit (und auch Akzeptanz) einer nasogastralen Sonde sollte geprüft werden
  • wenn orale Versuche nicht gelingen und das Kind nicht vital bedroht ist
  • nicht gesicherter adäquater ambulanter Umsetzung der Rehydration durch Betreuungsperson/en
  • schnelle Rehydration über 4 h (40-50 ml/kg alternativ langsam über 24 h)

 

 

Intravenöse Rehydration erwägen bei

 

  • Schock / schwerer Azidose bzw. ausgeprägter Ketonurie
  • schwerer Dehydration (Gewichtsverlust ≥ 10 %, Oligurie/Anurie)
  • gescheiterter oraler/ nasogastraler Rehydration
  • nicht gesicherter adäquater ambulanter Umsetzung der Rehydration durch Betreuungsperson/en
  • Hyponatriämie (Na+ < 130 mmol/l) bzw. Hypernatriämie (Na+ > 150 mmol/l) → intensivmedizinische Überwachung erwägen
  • neurologischen Symptomen (Lethargie/Koma, Krampfanfälle)
  • schwerer (chronischer) Grunderkrankung (z. B. onkologische Erkrankung, Immundefizienz, Diabetes und anderen Stoffwechselstörungen)
  • Malnutrition und/oder Gedeihstörung
  • Hinweis auf Ileus oder intestinale Transportstörung (z.B. Invagination)
  • Säuglingen < 3.000 g oder < 3 LM
  • anhaltend blutiger Diarrhoe, insbesondere wenn Hb-wirksam


Initialtherapie

  • Schwere Dehydration
    • 20 ml/kg Vollelektrolyt-Lösung über 2-4 h
  • Hypovolämischer Schock
    • 20 ml/kg balancierte Vollelektrolyt-Lösung über 10 min

Verlaufstherapie
  • Flüssigkeitserhaltungsbedarf für 24 h anhand Holliday-Segar-Formel abschätzen:

 

    • für die ersten 10 kg KG: 100 ml/kg/d
    • für die zweiten 10 kg KG: +50 ml/kg/d
    • ab dem 20. kg KG: +20 ml/kg/d
    • bis maximal 2400 ml/d
  • + zuzüglich Defizit (=Gewichtsverlust)
  • + zuzüglich laufende Verluste
    • pro Erbrechen oder wässrigem Stuhl: +10 ml/kg/d
    • pro 1 °C Temperaturerhöhung > 37 °C: +10 ml/kg/d

 

 

Allgemein
  • Hypokaliämie erst mit Einsetzen der Diurese ausgleichen
  • hypertone Dehydration: Vorsicht mit hypotonen Infusionslösungen, Normalisierung der Na-Konzentration um 0,5 – 0,6 mmol/h
  • Reevaluation des Patienten innerhalb von 4 h:
    • klinisch (Bewusstseinszustand, Ödeme, Dehydratationszeichen)
    • Gewicht
    • Urinproduktion
    • Laborkontrollen entsprechend Ausgangsbefunden und Schweregrad der Erkrankung
  • kein regelhafter Einsatz von Antiemetika, bei starkem Erbrechen Gabe von Ondansetron in Erwägung ziehen
  • kein Einsatz von Loperamid (v.a. bei Säuglingen und Kleinkindern)
  • Racecadotril kann bei ausgeprägter Diarrhoe erwogen werden
  • bei gestillten Säuglingen soll bei oraler Rehydration von Anfang an Muttermilch parrallel gegeben werden
  • frühe Realimentation während/nach den ersten 4-6 h der Rehydration


Antibiotische Therapie

nur bei dringendem Verdacht auf bakterielle Genese (blutige Stühle, starke Bauchschmerzen) und 1 der folgenden Risikofaktoren

    • Immundefizienz (auch hier nur in Ausnahmefällen)
    • septisches Krankheitsbild

 

 

 

Empfohlene  empirische Therapie
Ceftriaxon i.v.Metronidazol i.v.

 

→ mit Reevaluation nach 48 h und Therapiedeeskalation

 

 

 

bei nachgewiesener Infektion mit einem der folgenden Erreger

 

 

 

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ABS Tipps
  • Blutkulturen, Stuhlproben vor Beginn einer antibiotischen Therapie
  • Absetzen der antibiotischen Therapie bei Ausbleiben eines bakteriellen Nachweises
  • Überprüfung und gegebenenfalls Umstellung der antibiotischen Therapie nach Eintreffen des Resistogramms

Supportive Therapie

  • frühzeitige Realimentation mit altersentsprechender Kost (fruktose- und sorbitbetonte Früchte/Fruchtsäfte werden schlecht vertragen, bei persistierender Diarrhoe ggf. laktosefreie Diät erwägen)
  • gestillte Säuglinge weiter stillen (zusätzlich zur ORL)
  • nicht gestillte Säuglinge: Fortführen der gewohnten Milchnahrung, ggf. verdünnt mit ORL
  • Probiotika können erwogen werden (heterogene Datenlage zum Nutzen, Vorsicht bei immunsupprimierten Patient*innen!)
  • bei Malnutrition: Zink über 10 (-14) d

Hygiene Maßnahmen / Prävention

Ambulant

  • kein Besuch von Gemeinschaftseinrichtungen bis zum vollständigen Abklingen der Symptome
  • ärztliches Attest nicht notwendig
  • Berufsverbot bei Tätigkeit in lebensmittelverarbeitendem Gewerbe bis zum Abklingen der Symptome
  • EHEC: Gesundheitsamt entscheidet über Wiederzulassung


Stationär

  • Kontaktisolierung (bei Noroviren zusätzlich MNS)
  • viruzides Händedesinfektionsmittel bei Noro- und Adenoviren
  • Isolation im Einzelzimmer/Kohortenisolation bei gleichen Erregern, bis mind. 48 h Beschwerdefreiheit
  • bei immunsupprimierten Patient*innen kann die Ausscheidungsdauer und die Kontagiosität deutlich verlängert sein (u.a. Rota-, Noroviren)


Meldung IfSG

Fortbildung & weitere Links