Akute Appendizitis
Definition & Ätiologie
- Appendizitis ist eine Entzündung der Appendix vermiformis
- tritt vermehrt im Kindes- und Jugend- bzw. jungen Erwachsenenalter auf
- sie ist eine der häufigsten Ursachen des akuten Abdomens
- mit unterschiedlicher Geschwindigkeit werden klassische Entzündungsstadien durchlaufen, die fokal oder generalisiert von einem katarrhalischen Bild über ulzero-phlegmonöse Veränderungen bis hin zur Gangrän mit Zerstörung der Wandstruktur und Perforation reichen können
Auslöser
- entzündliche Veränderungen im Lumen des Wurmfortsatzes, die durch Stase von Darminhalt, bakterielle oder virale Einflüsse, aber auch Fremdkörper verursacht werden
Folgen
- Hyperämie
- Störungen der Mikrozirkulation und des Lymphabflusses im Bereich der Mukosa
- bakterielle Durchwanderung der Wandschichten
Formen
- unkompliziert: Inflammation der Appendix vermiformis ohne Hinweis auf Gangrän, Umgebungsphlegmone, freie purulente Flüssigkeit oder Abszess
- kompliziert: jede Art gangränöser Appendizitis mit oder ohne Perforation, mit periappendikulärer Phlegmone, freier Flüssigkeit oder perityphlitischem Abszess
Erregerspektrum
- E. coli
- Klebsiellen spp.
- Proteus spp.
- aerobe und fakultativ anaerobe Streptokokken
- Bacteroides spp., Pseudomonas spp.
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Klinik
Symptomatik
Leitsymptom der Appendizitis ist der Schmerz im rechten Unterbauch.
Die Symptomatik ist initial oft unspezifisch
- Übelkeit
- Erbrechen
- Oberbauch- oder periumbilikale (viszerale) Schmerzen
- Appetitlosigkeit
- Fieber bis 38,5 °C, auch enteritische Symptome
Im weiteren Verlauf können folgende spezifische Symptome auftreten (akutes Abdomen)
- peritoneale, kontinuierliche Schmerzen in Projektion auf die Appendix (Schmerzverlagerung, somatischer Schmerz)
- Schmerzwanderung vom Epigastrium in den rechten Unterbauch
- Schmerzen beim Laufen, gebeugte Haltung
- lokale Erschütterung wird als unangenehm oder schmerzhaft empfunden
- Bei Zäkumhochstand oder Mal-/Nonrotation des Darmes sind Beschwerden durch veränderte Position der Appendix im rechten oder linken Oberbauch lokalisiert.
CAVE: Nach Perforation kann ein schmerzfreies Intervall auftreten, was die Diagnosestellung erschwert. Kinder mit versorgten Zwerchfell- oder Bauchwanddefekten sowie nach abdominellen Eingriffen sollten besonders kritisch beurteilt werden. Anamnestisch sollte immer nach bereits erfolgter Appendektomie gefragt werden.
Komplikationen: Risikofaktoren für eine intraabdominelle Abszedierung nach operierter Appendizitis
- höheres Lebensalter
- ein hoher BMI (Adipositas)
- Diarrhoe bei Aufnahme
- Fieber
- Leukozytose am Tag 5
- Perforation der Appendizitis
Red Flags
- Perforation
- perityphlitischer Abszess
- Komplikationen nach Appendektomie wie Ileus
- Peritonitis
- Sepsis
Risikofaktoren und Grunderkrankungen die ggf. ein von diesem Standard abweichendes Vorgehen erfordern
- hier nicht relevant
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Komplikationen
- septischer Schock
- Abszessbildung
- Peritonitis
- Ileus
- disseminierte intravasale Gerinnung (DIC)
Diagnostik
- Anamnese, Temperaturmessung: axillo- rektale- Temperaturdifferenz >0,5 °C
- klinische Untersuchung
- Untersuchung Abdomen mit Auskultation, Palpation, Prüfen der Appendizitiszeichen (McBurney-Punkt, Lanz-Punkt, Blumberg-Zeichen, Sherren-Dreieck, Rovsing-Zeichen, Douglas-Schmerz, Psoas-Zeichen, Baldwin-Zeichen)
- Druckschmerz im rechten Unterbauch
- Abwehrspannung
- Schmerzauslösung durch Erschütterung: z.B. den Patienten auf einem Bein hüpfen lassen
- Inspektion Skrotum und Leiste (z.A. Hodentorsion und Leistenhernie)
- ggf. Nutzung von Scores wie z. B.
|
PAS |
Ja Punkte |
|
schmerzempfindlich im rechten Unterbauch beim Husten, Klopfen oder Hüpfen |
2 |
|
Appetitlosigkeit |
1 |
|
Fieber |
1 |
|
Übelkeit/Erbrechen |
1 |
|
schmerzempfindlich im Bereich der rechten Fossa iliaca |
2 |
|
Leukozytose |
1 |
|
Neutrophilie |
1 |
|
Schmerzwanderung in den rechten Unterbauch |
1 |
- < 4 Punkte: geringes Risiko
- 4-6 Punkte: zweideutig
- > 6 Punkte: hohes Risiko
Differentialdiagnosen
- urologisch
- Harntransportstörung
- Urolithiasis
- Hodentorsion
- gynäkologisch
- Ovarialzyste
- stielgedrehtes Ovar
- andere Adnexpathologien
- versprengte Herde einer Endometriose
- Ovulationsschmerz
- Extrauteringravidität
- Menstruationsbeschwerden
- gastrointestinal
- Cholezystolithiasis
- Enteritis
- Invagination
- Meckel-Divertikel
- Lymphadenitis mesenterialis
- Obstipation
- CED (Morbus Crohn)
- Pseudotumoren bei Yersinien Befall
- Enterokolitis anderer Genese
- septische Granulomatose
- Wurmbefall
- Pseudoappendizitis diabetica
- PIMS
- Pulmologie
- Infekt der oberen Luftwege bei Kleinkindern
- Unterlappenpneumonie rechts
Labor
Bei jedem Verdacht auf Appendizitis sollte eine Labordiagnostik erfolgen
Mikrobiologie/Virologie/Parasitologie
- bei intraoperativem Nachweis eines Abszesses oder einer Perforation: natives Material in die Mikrobiologie (Untersuchung von Erregern und Resistenzen) verschicken
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Apparative Diagnostik
Bei jedem V.a. eine Appendizitis sollte eine Sonographie des Abdomens erfolgen. Weitere Bildgebung in Abhängigkeit des Befundes und der Klinik.
typische sonographische Befunde sind
- Kokardenstruktur des Appendix
- Durchmesser >6-8 mm
- verbreiterte, hypoechogene Appendixwand im Vergleich zu anderen Darmschlingen
- verstärkte oder verminderte Wandperfusion
- fehlende Komprimierbarkeit der Appendix
mögliche Befunde für eine fortgeschrittene Entzündung sind
- freie Flüssigkeit in der Umgebung oder im Douglas Raum
- Paralyse im terminalen Ileum
mögliche weiterführende Diagnostik
- ggf. MRT des Abdomens zur Abklärung möglicher Differentialdiagnosen
- CT des Abdomens nur in Ausnahmefällen und ausgeprägtem Befund
Diagnostik-Tipps
- fehlende sonographische Darstellbarkeit der Appendix schließt eine Appendizitis nicht aus (z.B. bei retrozäkaler Lage)
- Kleinkinder können Schmerzen häufig kaum lokalisieren
- eine Therapieanpassung auf intraoperative Abstriche sollte nicht erfolgen, wenn sollte intraabdominelle Flüssigkeit getestet werden
Therapie
Ambulante Therapie
Therapieempfehlung TELE-Kasper
- hier nicht relevant
Stationäre Therapie
Therapieempfehlung TELE-Kasper
- chirurgisches Konsil und ggf. operative Sanierung
- antibiotische Therapie peri-/postoperativ
- komplizierte Appendizitis:
- Ampicillin/Sulbactam i.v.
- alternativ:
2. Generation Cephalosporin i.v. + Metronidazol i.v.
- Therapiedauer
- unkomplizierte Appendizitis / intraoperativ blande Appendizitis: nur AB-Prophylaxe perioperativ (Einmalgabe)
- komplizierte Appendizitis ohne Nekrose/Perforation: 3 d
- komplizierte intraabdominelle Infektion: 5 d
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ABS Tipps
- bei Befundverschlechterung zeitnahe Reevaluation und evtl. diagnostische Laparoskopie bei uneindeutigen Befunden
- Die Therapiedauer zeigt keinen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit für eine Abzessbildung.
Supportive Therapie
- Nahrungskarenz, ggf. flüssige Kost
- parenterale Volumenzufuhr mit Vollelektrolytlösung
- Analgesie
Hygiene Maßnahmen / Prävention
- hier nicht relevant
Fortbildung & weitere Links
Literatur Akute Appendizitis